Die Kunst des Widerstands
Regisseurin Rebekka Bangerter im Gespräch
mit Dramaturgin Carola von Gradulewski
Carola von Gradulewski: Rebekka, Eve Leighs Stück „Salty Irina“ (dt. „Verbranntes Land“) wurde 2025 mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet. Die Jury schrieb: „Leighs ebenso leichtfüßiges wie tiefschürfendes Stück ist eine berührende lesbische Coming-of-Age-Lovestory und zugleich eine Ermutigung zu mehr Solidarität.“ Was macht für Dich die besondere Qualität dieses Textes aus und worauf liegt Dein Fokus in der Auseinandersetzung mit dem Text?
Rebekka Bangerter: Was mich von Anfang an in die Geschichte gezogen hat, war der sehr sensibel erzählte Annäherungsversuch der beiden Frauen, der immer wieder von Momenten des Misstrauens oder zumindest der Erfahrung, dass man so viel teilt und sich doch nicht vollumfänglich verstehen kann, geprägt ist. Was heißt es, den Schmerz des Anderen zu verstehen und wie viel Differenz hält Nähe aus? Und auf der anderen Seite die aktivistische Erzählung, gespeist
aus dem Bedürfnis, etwas zu tun angesichts des Schreckens, der sich wortwörtlich vor der eigenen Haustür abspielt. Die permanente Verstrickung dieser beiden Erzählebenen macht deutlich, dass das Private und das Politische nicht zu trennen sind. Außerdem mochte ich diese Sogwirkung, die Sprache und Erzählung entfalten, sehr.
Carola von Gradulewski: Es ist für Dich die zweite Begegnung mit der Autorin Eve Leigh. Du hast 2022 die Deutschsprachige Erstaufführung ihres Stückes „Midnight Movie“ am Anhaltischen Theater Dessau realisiert. Was zeichnet Eve Leigh als Autorin für Dich aus?
Rebekka Bangerter: Ich mag generell sehr an ihren Texten, dass Eve immer die Ebene des Theaters mitdenkt. Wir begeben uns in „Verbranntes Land“ in eine fiktive, wenn auch sehr an der Realität angesiedelte Story. Ausgangspunkt ist die Nacherzählung und erst über das Beschreiben gehen wir immer weiter in die Geschichte und am Schluss landen wir wieder im Hier und Jetzt. Eve erzählt Geschichten und macht Fiktionen auf, aber positioniert sich immer ganz klar und macht deutlich, dass das unsere Realität ist und nicht etwas, was wir einfach von uns schieben können.
Carola von Gradulewski: In ihrem gemeinsamen Erzählprozess rekonstruieren Anna und Eireni, wie sie sich kennenlernten, ineinander verliebten und den Plan fassten, auf einem rechtsradikalen Festival zu den rassistisch motivierten Morden in ihrer Stadt zu recherchieren. Gleichzeitig tauchen wir mit den beiden immer wieder in Spielszenen direkt in die Geschichte ein. Dieses Wechselspiel zwischen Rekonstruktion und direktem Erleben macht einen großen Reiz des Textes aus. Wie seid Ihr damit konzeptionell umgegangen?
Rebekka Bangerter: Über diesen Abend hinweg wird die Geschichte immer realer, die Sprache des Erzählens generiert peu à peu die Situation, in der sich Anna und Eireni befinden. Wir haben eine räumliche Übersetzung gesucht, um diesen Erzählprozess zu visualisieren und beginnen mit einem roten Faden, der tatsächlich erst einmal einen Erzählfadensymbolisiert und sichtbar macht, wie viel da gerade schon abgewickelt wurde. Es beginnt also auf einer Meta-Ebene, im Laufe des Abends nimmt dieser Faden immer mehr Raum ein, Anna und Eireni werden körperlich anders involviert, durch das Rekonstruieren entstehen die Situationen.
Carola von Gradulewski: Das Besondere an der Werkstattbühne ist die Intimität des Raumes. Wie macht ihr diese Nähe zwischen Bühne und Zuschauerraum für eine Geschichte nutzbar, die uns als Zivilgesellschaft angeht?
Rebekka Bangerter: Es geht um Zeug*innenschaft des Publikums. Die Geschichte, die Anna und Eireni zu erzählen haben, ist wichtig und soll an die Öffentlichkeit gebracht werden. Die Zwei sind hier, um zu sagen, was passiert ist, und adressieren an uns die Frage, was wir jetzt daraus machen. Die Intimität der Werkstattbühne unterstützt diesen Aspekt – wir als Publikum sind nicht einfach außen vor, sondern
sind Teil dieser Gesellschaft, in der das passiert. Ich habe das Bild einer semipermeablen Membran vor Augen. Eireni und Anna versuchen immer wieder, Blasen zu bilden, in denen es nur sie beide gibt. Gleichzeitig ist das aber eine sehr durchlässige Angelegenheit. Und es ist auch keine Option, sich einfach komplett in einen privaten Schutzraum zurückzuziehen.
Carola von Gradulewski: Annas und Eirenis Versuch, der Gewaltbereitschaft rechtsradikaler Kreise etwas entgegenzusetzen, bringt die beiden in große Gefahr. Und trotzdem lässt die Autorin sie nicht scheitern, oder was ist Dein Eindruck?
Rebekka Bangerter: Ich finde nicht, dass sie scheitern. Ich glaube, sie gehen einfach gemeinsam durch einen Reifungsprozess. In diesem Coming-of-Age-Moment und aufgepusht durch das Adrenalin des Sich-Verliebens lassen sie sich auf eine gefährliche Aktion ein. Sie wollen Held*innentaten begehen und bringen sich in Gefahr, um dann zu realisieren, dass Held*innentaten vielleicht ganz woanders anfangen. Die Liebesgeschichte zwischen den beiden ist bewusst dieser politischen Aktion nicht entgegengesetzt, sondern damit verwoben.
Dass sie mitten auf einem Nazi-Festival das erste Mal miteinander schlafen, ist natürlich hoch symbolisch für eine Form von Widerstand. Wo fängt dieser Widerstand an? Ist das dann schon Widerstand? Auch wenn es niemand mitkriegt in dem Moment?
Carola von Gradulewski: Mit der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft und der Radikalisierung im politischen Spektrum gewinnt Eve Leighs Text noch einmal deutlich an Brisanz. Welche Hoffnungen verknüpfst Du mit unserer Produktion?
Rebekka Bangerter: Ich hoffe, man sieht und versteht, dass es viel realer ist, als man denkt – unser Stück könnte im Grunde auch ein Stück Dokumentartheater sein. Gleichzeitig gehe ich davon aus, dass es zum Glück viele Menschen gibt, die sich dessen bereits bewusst sind. Mitunter stellt sich so ein Ohnmachtsgefühl ein, man weiß nicht, wo man ansetzen kann. Und da wünsche ich mir, dass wir mit diesem Stück Hoffnung stiften können, denn Widerstand ist ein Spektrum und es fängt schon damit an, dass ich den Mund aufmache, wenn ich höre, wie jemand eine rassistische Äußerung macht.
Vielen Dank für das Gespräch!