Autorin Lena Riemer spricht mit Dramaturgin Romana Lautner über den Entstehungsprozess ihres Stückes „unreif“, den ersten Impuls zum Schreiben und darüber, was sie sich für die nächste Generation wünscht.
Romana Lautner: Warum hast Du angefangen, „unreif“ zu schreiben?
Lena Riemer: Mein ursprünglicher Impuls war dieser furchtbare Satz: „Du bist so reif für dein Alter.“ Den musste ich mir selbst als Teenagerin leider in den unterschiedlichsten Kontexten anhören. Erst später habe ich verstanden, wie viel Gefahr sich darin verbirgt. Ich wollte ein Stück schreiben, dessen Protagonist*innen diesem Satz explizit widersprechen.
Romana Lautner: Warum hast Du Jugendliche in den Schreibprozess einbezogen?
Lena Riemer: Mir ist Austausch sehr wichtig. Ich wollte auf gar keinen Fall an der Lebensrealität meiner Zielgruppe vorbeischreiben. Irgendwie habe ich mich aber auch dabei erwischt, zu hoffen, dass sich seit meiner Teenagerzeit einiges gebessert hätte. Leider war eher das Gegenteil der Fall. Von den ca. 60 Jugendlichen im Alter zwischen 11 bis 16 konnten mir alle bestätigen, dass Sexismus und Catcalling für sie eine alltägliche Rolle spielen. Wirklich erschreckend fand ich, dass viele von ihnen kaum erwachsene Ansprechpartner*innen haben, denen sie sich anvertrauen können.
Romana Lautner: Wie waren die Jugendlichen in den Schreibprozess miteinbezogen?
Lena Riemer: Ich habe mit unterschiedlichen Gruppen zusammenarbeiten dürfen. Einerseits habe ich Workshops mit Schulklassen aus Monheim in NRW geleitet. Dort haben wir zusammen einzelne Szenen aus „unreif“ gelesen und darüber diskutiert, was sich für die Jugendlichen stimmig angefühlt hat und welche Teile des Textes ihnen nicht gefallen haben oder sich unrealistisch anfühlten.
Da der Text im Rahmen des Retzhofer Dramapreises entstanden ist, wurde ich im Schreibprozess auch von den „Young Experts“, der Jugendbeteiligungsgruppe des Wettbewerbs, begleitet. Sie haben den Text in verschiedenen Stadien immer wieder vollständig gelesen und waren auch bei den ersten Table Reads dabei. Sie waren im wahrsten Sinne des Wortes Expertinnen für mein Stück und haben mir immer wieder ihre Wünsche und Ideen für den Text, aber auch für eine Inszenierung, mitgeteilt. Das war wahnsinnig bereichernd.
Romana Lautner: Was ist nur im Stück, weil die Jugendlichen darauf bestanden haben?
Lena Riemer: Das Internet (sie lacht.) – ich war sehr vorsichtig damit, Social Media einzubauen, weil es leider doch schnell cringe werden kann. Aber die Gespräche mit den Jugendlichen haben mir gezeigt, wie sehr sich die digitale und die analoge Lebenswelt bei ihnen ergänzen. Was auf dem Schulhof beginnt, wird auf Instagram weitergeführt. Ich musste darüber schreiben, wie sich diese beiden Welten (auf positive und negative Weise) verschränken.
Romana Lautner: Was hat dich selbst überrascht?
Lena Riemer: Wie lustig das Stück geworden ist und wie lustig auch die Gespräche waren, die ich mit den Jugendlichen, aber auch mit Freund*innen und Kolleg*innen hatte. Wir haben Wege gefunden, über die schlimmsten Dinge in unserem Leben zu lachen. Ich habe realisiert, dass Humor überlebenswichtig sein kann.
Romana Lautner: Was ist Dein Wunsch ans Publikum?
Lena Riemer: Vor allem wünsche ich mir, dass dieses Stück ein Gesprächsstarter zwischen Menschen aller Altersgruppen ist. Unverzichtbar dafür ist, dass man einander zuhört. Wirklich zuhört. Denn aus meiner Erfahrung gehen viele Menschen schnell in den Verteidigungsmodus, bevor sie überhaupt versucht haben, ihre Gesprächspartnerin zu verstehen. Dann fallen schnell Sätze wie „Aber das war ja gar nicht so gemeint“ oder „Nicht alle Männer“. Da werden hohe Mauern hochgezogen, die verhindern, dass man gemeinsam am Problem arbeiten kann. Also kurz gesagt: Ich wünsche mir Offenheit und gegenseitigen Respekt.
Romana Lautner: Welches Versprechen möchtest Du der nächsten Generation geben?
Lena Riemer: Dass alles besser wird. Aber das kann nur passieren, wenn wir alles besser machen. Mit „Wir“ meine ich die Erwachsenen. Jugendliche haben mir immer wieder von Eltern, Lehrkräften, etc. berichtet, die auf ihre negativen Erfahrungen mit „Das ist eben einfach so“ reagiert haben. Ich verstehe, woher dieser Gedanke kommt, aber ich weigere mich, ihn jemals wieder zu akzeptieren. Nichts ist „einfach so“. Unsere Gesellschaft ist das, was wir aus ihr machen. Das bedeutet, wir müssen als Erwachsene endlich unsere eigene Angst und Scham überwinden und nie wieder weggucken, wenn wir Zeug*innen von Grenzüberschreitungen werden. Wir müssen Betroffenen glauben. Wir müssen richtig, richtig laut werden. Die Scham muss die Seite wechseln. Es ist unsere Verantwortung, diesen Wechsel zu vollziehen. Wir sind es der nächsten Generation schuldig.
Das Gespräch fand Anfang Juli 2026 statt.