Lieber Abdullah, du inszenierst zum vierten Mal in Konstanz, aber zum ersten Mal ein Stück von Ödön von Horváth. Was interessiert dich an Horváths Werk?
Abdullah Kenan Karaca: Was mich an Horváth besonders interessiert, ist sein schonungsloser Blick auf die Gesellschaft. Er schafft es, Missstände, Machtstrukturen und menschliche Schwächen so präzise und gleichzeitig unterhaltsam darzustellen, dass man fast vergisst, wie brutal seine Beobachtungen eigentlich sind. Seine Figuren wirken auf den ersten Blick oft klischeehaft oder überzeichnet, aber gerade dadurch entlarvt er sie. Es fasziniert mich, wie zeitlos seine Themen sind – soziale Ungleichheit, Machtmissbrauch und der Opportunismus, den er beschreibt, könnten genauso aus der Gegenwart stammen. Für mich ist Horváth jemand, der mit sehr einfachen Mitteln sehr viel über die Welt sagt, und das auf eine Art, die eine*n sowohl zum Nachdenken als auch zum Lachen bringt. Ich freue mich darauf, dieses Spannungsfeld auf die Bühne zu bringen und mit dem Publikum zu erleben.
Wie passt seine 1927 geschriebene Komödie „Zur schönen Aussicht“ in unsere Gegenwart?
Abdullah Kenan Karaca: „Zur schönen Aussicht“ passt erschreckend gut in unsere Gegenwart, weil es Themen wie soziale Ungleichheit, Machtmissbrauch und die Ausbeutung zwischenmenschlicher Beziehungen behandelt. In der Komödie wird auf bittere Weise gezeigt, wie finanzielle Notlagen und gesellschaftliche Abhängigkeiten von anderen ausgenutzt werden – ein Problem, das auch heute noch allgegenwärtig ist. Besonders aktuell wirkt das Stück durch seinen Fokus auf Egoismus, Opportunismus und den Verlust von Mitgefühl, der in einer kapitalistisch geprägten Gesellschaft immer wieder sichtbar wird. Horváths scharfsinnige Beobachtungen wirken zeitlos, weil sie grundlegende Dynamiken und Missstände aufzeigen, die sich seitdem nicht grundlegend verändert haben.
Auch die Sprache im Stück ist total spannend. Sie wirkt auf den ersten Blick simpel und alltäglich, aber genau dadurch entlarvt Horváth die Oberflächlichkeit und die versteckte Brutalität der Figuren. Viele Phrasen und Floskeln im Dialog zeigen, wie Menschen versuchen, sich gegenseitig zu manipulieren oder ihre eigenen Interessen zu verschleiern. Das alles macht das Stück so zeitlos und aktuell – weil diese Mechanismen auch heute noch funktionieren.
Inwiefern können Horváths Geschlechterbilder heutige gesellschaftliche Strukturen und Verhältnisse abbilden?
Die Frauenfiguren sind unglaublich aussagekräftig, weil sie die Rolle der Frau in einer von Männern dominierten Welt so eindrücklich zeigen. Christine ist das beste Beispiel: Sie zeigt, wie Frauen in schwierigen Situationen oft keine echte Unterstützung bekommen, sondern stattdessen mit Lügen, Machtspielchen und Egoismus konfrontiert werden. Auch die Figur der Baronin Ada ist spannend. Sie hat auf den ersten Blick einen höheren gesellschaftlichen Status, doch auch sie ist nicht frei von Abhängigkeiten. Sie ist auf das Hotel und die Männer angewiesen, um ihren Lebensstandard zu halten, und spielt selbst manipulative Spiele, um ihre eigene Position zu sichern. Trotzdem bleibt sie am Ende in den Machtstrukturen gefangen und das ist der entscheidende Unterschied: Christine ist die einzige Frauenfigur bei Horváth, die sich aus dieser patriarchalen Welt befreien kann. Sie entzieht sich am Ende der Macht der Männer und schafft es, aus der Schlinge herauszukommen. Damit setzt Horváth ein überraschendes und starkes Zeichen, weil er zeigt, dass Widerstand möglich ist, auch wenn die Umstände zunächst aussichtslos scheinen.
Die Männer im Stück wirken tatsächlich wie viele Männer von heute. Sie sind egoistisch, manipulativ und handeln fast ausschließlich nach ihrem eigenen Vorteil, ohne Rücksicht auf andere – und vor allem nicht auf die Frauen. Ihre Gefühle oder Bedürfnisse zählen nicht, sie werden nur benutzt. Horváth zeigt hier ganz klar Machtstrukturen auf, die auch nach fast 100 Jahren in vielen Bereichen unserer Gesellschaft leider noch genauso funktionieren. Aber Figuren wie Christine machen deutlich, dass es auch Wege aus diesen Strukturen geben kann.
Liebe Elena, welche Akzente der Bühnenwelt und Spielweise werden durch das Kostümbild hervorgehoben?
Elena Scheicher: Die Figuren in unserer Inszenierung sind Überreste einer untergehenden Welt. Vom ewigen Regen aufgequollen, mit faulen oder verlorenen Zähnen, schleppen sie das Wenige, das ihnen geblieben ist, an ihren vom Leben geformten Körpern mit sich. Die Kostüme sind bewusst überzeichnet und aus der Zeit gefallen – sie gehören keiner klaren Epoche an, sondern bewegen sich in einem Zwischenraum. Ich habe lange im Kostümfundus gesucht, um Materialien mit spannenden Strukturen zu kombinieren.
Mich interessiert das Unperfekte, das Gelebte. Deshalb liebe ich es, hier die Möglichkeit gehabt zu haben die Kostüme stärker zu patinieren -um ihnen noch mehr Geschichte einzuhauchen.
Und was für einen Raum hast du geschaffen und wie bist du mit der Szenerie des heruntergekommen Hotels umgegangen?
Elena Scheicher: Horváths Stücke sind durchzogen von der Ironie eines allgegenwärtigen Gottes – und doch leben seine Figuren in einer gottlosen Welt. Diese Ambivalenz hat uns inspiriert, ein Triptychon als zentrales Element zu verwenden: Es erinnert an ein Altarbild, aber auch an ein Fenster mit verschlossenen Läden. Nach dem Ersten Weltkrieg ist vieles zerstört, was bleibt sind Trümmer. Die Menschen in diesem Hotel haben fast alles verloren – und dennoch existieren sie weiter, in einem prekären Schwebezustand. Dieses fragile „Noch-nicht-verschwunden-Sein“ wollten wir in unserer Bühne spürbar machen. Geschlossen wirkt das Bühnenbild wie eine kalte, versiegelte Metallkiste – das Blech schimmert kühl in den endlosen Regenschauern. Doch wenn sich das Triptychon öffnet, kippt die Atmosphäre: Die Wände sind mit teerartiger Farbe überzogen, als hätte der Raum all das Leid und den Verfall aufgesogen. Generell gilt: Im Dunkeln, hinter geschlossenen Läden, lässt sich alles viel besser beobachten!