Carola von Gradulewski: Liebe Anike, lieber Ekat, Ihr seid zum zweiten Mal für die Open Air Produktion in Konstanz. Was macht für Euch den besonderen Reiz des Münsterplatzes im Herzen von Konstanz aus?
Anike Sedello: Dass wir schon zum zweiten Mal zu Gast in dieser wunderschönen Stadt sein und diese Produktion verantworten dürfen, freut uns natürlich sehr! Und die Antwort ist eigentlich schon in der Frage enthalten: Der Münsterplatz ist eben mittendrin und damit hat, meiner Empfindung nach, dieser Ort eine andere Sichtbarkeit und auch Nahbarkeit als die „klassischen“ Spielorte. Die Menschen bekommen auf ihrem Weg durch die Stadt bereits etwas vom Probenprozess mit, der ja sonst hinter verschlossenen Türen stattfindet, können schon etwas hören, merken, dass vor dem Münster Betrieb herrscht, und, so mein Eindruck bisher, freuen sich auf diese Produktion unter freiem Himmel.
Ekat Cordes: Es ist immer was los, mal läuten die Glocken, mal regnet es, mal brennt die Sonne, mal fliegen die Pollen und der Himmel sieht immer wieder anders aus. Jede Probe ist anders. Besonders am Abend entsteht ein Zauber, weil sich das natürliche Licht verändert und das Licht, das wir für die Inszenierung geschaffen haben, sichtbar wird und man nochmal ganz anders eintauchen kann in unsere Büchnerwelt. Ich mag die Größe und Weite des Münsterplatzes sehr. Für Anike und mich bedeutet das: Wir müssen groß denken. Nicht nur in der Ausstattung, sondern auch in den Bildern, den Bewegungen und der Erzählweise. Das mögen wir beide sehr. Der Platz fordert einen geradezu heraus, das große Besteck aufzufahren.
Georg Büchner zeichnete in seinem 1836/37 entstandenen Lustspiel mit satirischem Witz das Bild dysfunktionaler Kleinstaaten. „Leonce und Lena“ enthält parodistische Elemente, zahlreiche literarische und philosophische Anspielungen sowie kritische Reflexionen der sozialen Umstände in Büchners Zeit. Wie war Euer Zugriff auf diesen Stoff? Wie ist Eure Konzeption entstanden?
Anike Sedello: Wie in Büchners Vorlage verlassen auch bei uns Leonce und Lena, Sprösslinge und Zukunftssicherung der beiden benachbarten Königreiche Pipi und Popo, ihre bekannte Umgebung und widersetzen sich dadurch der Erfüllung der ihnen zugeschriebenen Erwartungen – auf der Suche nach der eigenen Idee, dem eigenen Gefühl, der eigenen Version ihrer selbst. Das Ausbalancieren gesellschaftlicher Erwartungen und individueller Sinnsuche und Erfüllung, ob in Reise, Müßiggang, Erlebnis, Liebe oder doch gesellschaftlichem Beitrag, ist bereits bei Büchner aber eben auch heute ein sehr aktuelles Thema. Der Ansatz, diese Fragen noch einige Jahre voraus in die Zukunft zu denken, erschien da sehr reizvoll; der Schritt von den Büchnerschen Automaten bis zu scheinbar gefühllosen Androiden gar nicht mehr so weit.
Worauf legt Ihr Euren Fokus – auf die märchenhafte Romanze der beiden „Star-crossed Lovers“ oder die satirische Darstellung einer in sinnentleerten Zeremonien erstarrten Gesellschaft?
Anike Sedello: Ich glaube, dass beide Komponenten nach wie vor enthalten sind.
Ekat Cordes: „Leonce und Lena“ ist sehr modern. Es geht um Menschen, die funktionieren sollen, um gesellschaftliche Erwartungen, um vorgegebene Rollen und um die Frage, ob man seinem Schicksal entkommen kann. Deshalb haben wir mit der Überlegung angefangen, wie diese Geschichte heute aussehen könnte. Aus den kleinen Fürstentümern bei Büchner wurden bei uns zwei konkurrierende Planeten, aus Prinz und Prinzessin Prototypen einer perfekten Zukunft. Und plötzlich sind wir mitten in einer Science-Fiction-Welt gelandet, die gar nicht so weit entfernt ist. Künstliche Intelligenz entwickelt sich rasant, Maschinen werden immer menschenähnlicher und gleichzeitig stellt sich die Frage: Was macht den Menschen eigentlich aus? Genau diese Frage steckt für mich in Büchners Stück. Mich interessiert aber auch die Liebe zwischen Leonce und Lena sehr. Die Romanze zwischen den beiden ist das Herzstück des Abends.
Anike, im Sommer 2024 hast Du für den „Sommernachtstraum“ den Münsterplatz in ein grünes Labyrinth mit vielen verschlungenen Wegen verwandelt, eine ideale Kulisse für Shakespeares Verwirrspiel der Liebe. In diesem Jahr dürfen wir uns auf Anklänge an Star Wars freuen. Was sind die besonderen Herausforderungen, die der Münsterplatz als Open Air Bühne stellt und was ist Dir für dieses Science-Fiction-Setting besonders wichtig?
Anike Sedello: Auf dem Münsterplatz gilt es tatsächlich, ein paar andere Dinge zu berücksichtigen als im Theater selbst. Einerseits ganz praktische Dinge – die Dekoration muss beispielsweise nicht nur unempfindlich gegen Nässe sein, sondern auch rutschsicher, sollte sie doch feucht werden. Kleber dürfen sich nicht in der Sonne lösen, es darf natürlich auch nichts vom Wind umgeweht werden, während gleichzeitig die Befestigung auf dem Kopfsteinpflaster gar nicht so einfach ist. In diesen Punkten haben aber das erprobte technische Team und die tollen Werkstätten des Theaters schon viel Erfahrung gesammelt, von der wir profitieren können. Andererseits ist der Platz sehr groß, dabei eher breit als tief – es ist also einiges an Fläche zu bespielen.
Ekat hat für „Leonce und Lena“ eine Rahmenhandlung geschrieben, die in dem Untertitel „A Space Opera“ kulminiert und sich gleichfalls im Bühnenbild niederschlägt. Das prächtige Münster ist selbst schon eine sehr beeindruckende Kulisse, die mit ihrer Präsenz auch ruhig etwas Reibung verträgt – in unserem Fall auf beiden Seiten des Platzes die Behauptung zweier silbrig-fliederfarbener Firmensitze respektive Königreiche in der wimmelnden Anmutung eines Vergnügungsparks. Wir befinden uns in durchaus wohlhabenden, saturierten Gesellschaften, die sehr geschäftig sind, scheinbar ohne unmittelbare Sorgen, aber eben auch mit wenig Gefühl. Ganz so futuristisch wird es, was das Bühnenbild betrifft, aber gar nicht zugehen, vielmehr knüpfen wir mit einem Augenzwinkern an die Bilder an, die wir aus Science-Fiction-Filmen kennen, während die Reflexionen der Discokugeln gewissermaßen die Sterne über uns an die Fassade des Münsters spiegeln.
In seinem Lustspiel arbeitet Georg Büchner viel mit Spiegelungen. Ekat, Du hast das noch intensiviert, indem Du in Deiner Bearbeitung neue Figuren hinzugefügt hast – das Königreich Pipi quasi aufgewertet hast. Wie kam es dazu und welche Spielmöglichkeiten eröffnen sich damit?
Ekat Cordes: Zu Büchners König Peter vom Reich bzw. Planeten Popo habe ich noch eine Königin Petra vom Planeten Pipi gedichtet. Die Gouvernante, die bei mir Adelheid heißt, muss sich mit ihrer Zwillingsschwester Hildgund auseinandersetzen. Dadurch entstehen zusätzliche Reibungsflächen, mehr Komik und mehr Möglichkeiten, unterschiedliche Haltungen aufeinanderprallen zu lassen. Außerdem erzählt unsere Fassung von zwei konkurrierenden Systemen, die sich eigentlich gar nicht so unähnlich sind. Je genauer man hinschaut, desto mehr spiegeln sich die Figuren gegenseitig. Das eröffnet den Schauspieler*innen viele Spielmöglichkeiten und macht sichtbar, dass die Grenzen zwischen den vermeintlich gegensätzlichen Welten oft kleiner sind, als man zunächst denkt.
Anike, das Büchnersche Figurenrepertoire hat sich also erweitert und ist auch anders akzentuiert. Die Hofgesellschaft hat in dieser multigalaktischen Welt, die Ihr erzählt, andere Funktionen. Was war Dir im Kostümbild wichtig? Die Zugehörigkeiten zum Reiche Popo bzw. Pipi klar zu erzählen? Als dritter Ort kommt in unserer Fassung noch Planet Italo dazu – im Gegensatz zu Büchners Vorlage, wo Leonce, Valerio, Lena und ihre Gouvernante die Reise abbrechen und wieder nach Popo zurückkehren, spielt bei uns ein wesentlicher Teil der Geschichte in Italien.
Anike Sedello: Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, auffällige Kostüme für diese Produktion zu entwerfen, großzügig mit Farben, Silhouetten und Oberflächen umzugehen. Schließlich ist man durch das futuristische Setting nicht darauf angewiesen, alltagstaugliche Kleidung einer bestimmten Epoche zu zeigen. Was schon eher eine Rolle spielt, ist die Herausforderung, Kostüme zu entwerfen, die man sowohl an kühle Abende als auch an heiße Sommernächte anpassen kann.
Wir haben uns darüber hinaus dafür entschieden, eine gewisse farbliche Zuordnung zu schaffen: So sind die Bewohner*innen Popos eher rosafarben, die Einwohner*innen Pipis violett gekleidet, während auf Planet Italo die Farben des Sonnenuntergangs vorherrschen. Da wir auf dem Münsterplatz keine szenischen Umbauten realisieren können, hilft uns diese Farbentscheidung, die verschiedenen Orte zu etablieren.
Es gibt etliche Mehrfachbesetzungen, was noch mal eine besondere Herausforderung für die Kostüme bedeutet. Und nicht zu vergessen, es wird viel getanzt auf dem Münsterplatz. Wie ist Dein Umgang im Kostüm damit? Und hatte Sean Stephens, unser Choreograf, deswegen auch beim Kostüm mitzureden?
Anike Sedello: Dass der Großteil der Spielenden gleich mehrere Personen darstellt, bedeutet für das Kostüm, öfters schnelle Umzüge zwischen den Szenen zu bewerkstelligen. Ich versuche, schon im Vorfeld der Probenzeit sowohl an die Umzüge als auch daran zu denken, dass sich alle gut bewegen können – trotzdem möchte ich der Optik zuliebe nicht immer auf eine ausladende Silhouette oder ein besonders spektakuläres, aber vielleicht inflexibles Material verzichten.
Da ist dann zum einen Kompromissbereitschaft, zum anderen Erfindungsgeist gefragt. Es kommt also öfter vor, als man vielleicht vermutet, dass während einer Anprobe die Choreografien zum Besten gegeben werden, um zu überprüfen, ob es irgendwo dehnbarer Einsätze, abnehmbarer Ärmel, Schlitze für die Bewegungsfreiheit oder einfach jeder Menge Druckknöpfe bedarf, damit alles an Ort und Stelle bleibt. Die Kolleginnen der Schneiderei haben da glücklicherweise viele Ideen und natürlich jede Menge Know-how. Und genauso, wie ich an der ein oder anderen Stelle eine Entscheidung zugunsten der Tanzbarkeit fälle, findet Sean, mit dem Ekat und ich schon oft zusammengearbeitet haben, im Zweifel aber auch choreografische Lösungen, wenn ein Kostümteil eine ganz besondere Herausforderung darstellen sollte.
Apropos Tanz, lieber Ekat: Für diese Produktion hast Du den Komponisten Anton Berman gewinnen können, auch ein Künstler, mit dem Du schon seit vielen Jahren eng zusammenarbeitest. Unsere Produktion trägt ja nicht umsonst den Untertitel „eine Space Opera“ – wie klingt denn nun das Universum?
Ekat Cordes: Anton und ich arbeiten seit vielen Jahren zusammen. Ich schreibe die Texte, er komponiert und produziert die Musik. Das Schöne ist, dass wir uns inzwischen oft mit wenigen Worten verstehen. Es gibt viele Songs. Alle werden live von den Schauspieler*innen gesungen. Auf den Planeten Popo und Pipi, wo Gefühl ein Fehlerton ist, klingt die Musik kalt, elektronisch, technoid und mechanisch. Wir haben uns ein wenig an Kraftwerk, Daft Punk und Rondo Veneziano orientiert. Geht es dann zum Planeten Italo, wird die Musik poppiger. Es gibt Italo-Disco-Einflüsse, aber auch italienische Klassiker haben ihren Platz auf Planet Italo.
Ich freue mich, wenn die Zuschauer*innen am Ende nicht nur einen Ohrwurm mit nach Hause nehmen, sondern auch das Gefühl, für einen Abend auf einer Reise durch eine andere Galaxie gewesen zu sein.
Ich danke Euch für das Gespräch